Wir lächeln, blinzeln, kauen, sprechen, runzeln die Stirn – und das meist, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Unsere Gesichtsmuskeln sind den ganzen Tag aktiv. Doch benutzen wir sie deshalb auch automatisch ausgewogen?
Genau diese Frage ist für Face Yoga besonders interessant. Denn bei der Gesichtsmuskulatur geht es nicht einfach darum, möglichst viele Übungen zu machen oder jeden Muskel kräftigen zu wollen. Vielmehr lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Welche Muskeln nutzen wir häufig? Welche Bewegungsmuster wiederholen wir immer wieder? Wo halten wir unbewusst Spannung? Und welche Bereiche können wir nur schwer gezielt ansteuern?
Wer versteht, wie die Gesichtsmuskulatur arbeitet, versteht auch, warum gutes Face Yoga sowohl Aktivierung als auch Entspannung braucht.
Rund 60 Muskeln – und ein erstaunlich komplexes Zusammenspiel
Je nachdem, wie einzelne Muskelanteile gezählt und abgegrenzt werden, wird die Zahl der Muskeln im Bereich von Gesicht und angrenzenden Strukturen unterschiedlich angegeben. Sicher ist jedoch: Unsere Mimik entsteht durch ein hochkomplexes Zusammenspiel zahlreicher Muskeln.
Sie ermöglichen uns unter anderem zu lächeln, die Lippen zu formen, die Augen zu schließen, die Augenbrauen zu bewegen und verschiedenste Emotionen auszudrücken.
Hinzu kommen Muskeln, die beispielsweise beim Kauen beteiligt sind, sowie die funktionellen Zusammenhänge mit Kiefer, Kopf und Nacken.
Das macht unser Gesicht zu einem ausgesprochen dynamischen Bereich unseres Körpers.
Eine Besonderheit vieler mimischer Muskeln besteht darin, dass sie anders aufgebaut bzw. befestigt sind als zahlreiche Skelettmuskeln des übrigen Körpers: Sie setzen teilweise direkt an Haut und Weichteilgewebe an. Wenn sie sich zusammenziehen, bewegen sie deshalb nicht nur eine Körperstruktur – sie verändern unmittelbar unsere Mimik.
Genau das macht die Gesichtsmuskulatur so faszinierend.
„Use it or lose it“ – gilt das auch für unser Gesicht?
Vielleicht hast du den Satz „Use it or lose it“ schon einmal im Zusammenhang mit Muskeltraining gehört: Was wir regelmäßig nutzen, bleibt funktionell gefordert; was wir kaum beanspruchen, erhält entsprechend weniger Trainingsreiz.
Ganz so einfach lässt sich dieses Prinzip allerdings nicht auf das Gesicht übertragen.
Denn wir benutzen unsere Gesichtsmuskeln bereits jeden Tag – und zwar sehr häufig.
Das eigentliche Thema ist deshalb weniger, ob wir unsere Gesichtsmuskeln benutzen, sondern wie.
Viele unserer mimischen Bewegungen sind automatisiert. Wir führen sie nicht bewusst und kontrolliert aus, sondern wiederholen über Jahre hinweg bestimmte Muster.
Vielleicht ziehst du beim konzentrierten Arbeiten häufig die Augenbrauen zusammen. Vielleicht spannst du unter Stress den Kiefer an. Vielleicht kaust du überwiegend auf einer Seite oder bemerkst, dass du beim Lächeln eine Gesichtshälfte stärker einsetzt als die andere.
Solche Gewohnheiten können dazu führen, dass manche Bereiche sehr aktiv sind, während andere Bewegungen weniger bewusst oder differenziert ausgeführt werden.
Deshalb lautet die entscheidende Frage im Face Yoga nicht:
„Wie kann ich möglichst viele Gesichtsmuskeln trainieren?“
Sondern:
„Welche Muskulatur benötigt gerade Aktivierung – und welche benötigt vielleicht zuerst Entspannung?“
Wiederholte Mimik prägt unsere Bewegungsmuster
Unser Gesicht besitzt gewissermaßen seine eigenen Bewegungsgewohnheiten.
Ähnlich wie wir beim Körper eine bevorzugte Seite haben können, können sich auch in unserer Mimik individuelle Muster entwickeln.
Und genau hier wird bewusste Wahrnehmung interessant.
Stell dich einmal vor einen Spiegel und lächle ganz natürlich. Beobachte anschließend, ohne etwas korrigieren zu wollen:
Bewegen sich beide Mundwinkel ähnlich? Öffnen sich beide Augen gleich? Hebst du eine Augenbraue stärker? Spürst du irgendwo Spannung?
Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, perfekte Symmetrie zu erreichen. Kein menschliches Gesicht ist vollkommen symmetrisch.
Vielmehr lernst du, Bewegungen wahrzunehmen, die normalerweise vollkommen automatisch ablaufen.
Diese Fähigkeit, einen Muskel oder eine Bewegung gezielt wahrzunehmen und anzusteuern, ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit mit Face Yoga.
Warum mehr Training nicht automatisch besser ist
Hier liegt gleichzeitig eines der häufigsten Missverständnisse rund um Face Yoga.
Wenn ein Muskel trainiert werden kann, könnte man schließlich denken: Je mehr Übungen ich mache, desto besser.
Doch gerade im Gesicht ist ein differenzierter Ansatz sinnvoll.
Ein Bereich, der ohnehin ständig angespannt oder sehr aktiv ist, braucht nicht zwangsläufig noch mehr Aktivierung.
Ein gutes Beispiel ist der Kiefer.
Viele Menschen bemerken erst dann, wie viel Spannung sie dort halten, wenn sie ganz bewusst darauf achten. Stress und Konzentration können mit unbewusstem Anspannen oder Zusammenpressen des Kiefers einhergehen.
In einer solchen Situation wäre mein erster Gedanke nicht:
Mehr trainieren.
Sondern zunächst:
Wahrnehmen und loslassen.
Ähnliches kann für die Stirn oder den Bereich zwischen den Augenbrauen gelten. Wer bestimmte mimische Bewegungen ständig wiederholt, benötigt möglicherweise zunächst mehr Bewusstsein für dieses Muster und Möglichkeiten, die entsprechende Region bewusst zu entspannen.
Face Yoga bedeutet deshalb für mich nicht permanentes Muskeltraining.
Es bedeutet gezielte Muskelarbeit.
Aktivieren, ohne unnötige Mimik zu erzeugen
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Qualität der Bewegung.
Wenn wir einen bestimmten Gesichtsmuskel bewusst aktivieren möchten, sollten möglichst nicht zahlreiche andere Bereiche unnötig mitarbeiten.
Ein Beispiel: Du möchtest eine Übung für die Wangen ausführen und bemerkst dabei, dass du gleichzeitig die Stirn stark anspannst oder die Augen zusammenkneifst.
Dann ist nicht unbedingt mehr Kraft gefragt.
Oft ist weniger Bewegung und mehr Kontrolle die bessere Lösung.
Das Ziel besteht darin, die gewünschte Muskulatur möglichst bewusst anzusteuern und unnötige Ausweichbewegungen zu reduzieren.
Deshalb spielt beim Face Yoga nicht nur die Übung selbst eine Rolle, sondern auch die Art und Weise, wie wir sie ausführen.
Das Gesicht arbeitet nicht isoliert
Wer sich nur auf das Gesicht konzentriert, übersieht außerdem einen wichtigen Teil des Gesamtbildes.
Kopfhaltung, Nacken, Schultern und Kiefer stehen funktionell miteinander in Verbindung.
Ein typisches Beispiel aus unserem modernen Alltag ist die Arbeit am Bildschirm: Der Kopf wandert nach vorne, die Schultern können sich nach innen bewegen und der Nacken wird belastet. Gleichzeitig starren wir konzentriert auf einen Bildschirm, blinzeln weniger oder verändern unbewusst unsere Mimik.
Auch deshalb integriere ich in Face-Yoga-Einheiten Übungen für Nacken, Schultern, Haltung und Atmung.
Denn manchmal liegt die sinnvollste Vorbereitung für eine Gesichtsübung überraschenderweise gar nicht im Gesicht.
Was bedeutet das nun für Face Yoga?
Es lassen sich daraus drei Grundprinzipien ableiten:
- Erst wahrnehmen. Bevor wir versuchen, etwas zu verändern, sollten wir beobachten, wie wir unser Gesicht im Alltag tatsächlich benutzen.
- Überaktive Bereiche nicht einfach weiter trainieren. Wo viel Spannung vorhanden ist, können Massage, bewusste Atmung oder Entspannung zunächst sinnvoller sein.
- Weniger aktive Bereiche gezielt und kontrolliert ansteuern. Dabei geht es nicht um maximale Kraft, sondern um sanfte Bewegung, Wahrnehmung und eine angemessene Dosierung.
Und genau diese Kombination macht für mich den Unterschied zwischen wahllosem „Gesichtstraining“ und einer bewussten Face-Yoga-Praxis aus.
Ein kleines Experiment für deinen Alltag
Du kannst heute etwas ausprobieren, ohne eine einzige Face-Yoga-Übung zu kennen.
Stelle dir mehrmals am Tag für einen kurzen Moment folgende Fragen:
- Wo befindet sich meine Zunge?
- Sind meine Zähne gerade aufeinandergepresst?
- Ist meine Stirn entspannt?
- Ziehe ich meine Augenbrauen zusammen?
- Sind meine Schultern hochgezogen?
- Kann ich meinen Kiefer ein wenig loslassen?
Verändere zunächst gar nichts.
Beobachte nur.
Vielleicht stellst du dabei fest, dass du bestimmte Spannungen oder Bewegungsmuster immer wieder einnimmst, ohne es bisher bemerkt zu haben.
Und damit hast du bereits einen wesentlichen Bestandteil von Face Yoga praktiziert:
bewusste Wahrnehmung.
Nicht „Use them or lose them“ – sondern: Learn to use them
Unsere Gesichtsmuskeln einfach nur möglichst viel zu benutzen, ist also nicht das Ziel.
Wir benutzen sie ohnehin – jeden Tag, tausende Male und häufig vollkommen unbewusst.
Viel interessanter ist es, wieder ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wir sie benutzen.
Welche Bereiche dürfen loslassen?
Welche dürfen bewusster aktiviert werden?
Welche Gewohnheiten haben sich eingeschlichen?
Und können wir lernen, unser Gesicht differenzierter wahrzunehmen?
Genau darin liegt für mich eine der spannendsten Seiten von Face Yoga.
Nicht gegen das Altern zu arbeiten, sondern sanft und liebevoll mit dir selbst umzugehen.
Nicht jede Linie kontrollieren zu wollen, sondern Bewegungsmuster besser zu verstehen.
Und nicht einfach nur zu trainieren, sondern bewusster.
Feel Good – Feel YOU.
Weiterüben
Du möchtest das in Ruhe und mit Anleitung ausprobieren? In meinen Face-Yoga-Videokursen zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du bewusst aktivierst und loslässt – in deinem Tempo.
